Lady Bird
Regie: Greta Gerwig
Drehbuch: Greta Gerwig
USA 2017
Wie schwer sich Mütter und Töchter mit ihren Gefühlen füreinander tun, davon handelt Greta Gerwigs originelles und berührendes Regiedebüt. Lady Bird, so nennt sich die 17-jährige Protagonistin. Eigentlich heißt sie Christine, doch davon will sie nichts wissen. Selbst von ihrer Mutter verlangt sie, Lady Bird genannt zu werden. Lady Bird will fort aus Sacramento, der vermeintlich öden Stadt, obwohl sie hier Familie und Freunde hat, auf Partys geht und erste Liebeserfahrungen macht. New York ist ihr Ziel. Doch erst muss sie die Schule abschließen, und ihre schulischen Leistungen lassen nicht erkennen, dass sie ihren Traum vom teuren College an der Ostküste verwirklichen kann.
 
Das Soziale ist in diesem ­Coming-of-Age-Film stets präsent. Die Mutter ist Krankenschwester und ernährt die Familie allein, seit der Vater arbeitslos ist. Sie ist entnervt von der Tochter, von der sie glaubt, nichts sei ihr genug. In einer Szene suchen Mutter und Tochter ein Kleid für den Abiturball der Tochter. Lady Bird probiert ein rosafarbenes Ballkleid an. »Ich wünschte, du würdest mich mögen«, sagt die Tochter der Mutter. Worauf diese erwidert: »Ich will, dass du die beste Version deiner selbst wirst.« Darauf fragt die Tochter: »Was, wenn dies die beste Version ist?« Die Szene endet, ohne dass die beiden emotional zueinandergefunden hätten. Gerwig, die von sich sagt, sie interessiere sich dafür, welche Rolle Glaube und Traditionen im Leben von Menschen spielen, schildert differenziert das katholische Milieu der Schule, die Lady Bird besucht. Wir begegnen einer warmherzigen Oberin, die Lady Birds schauspielerisches Talent erkennt und herzhaft über einen Streich ihrer aufmüpfigen Schülerin lachen kann. Zum Grundmuster des Films passt es, dass Lady Bird, nachdem sie in New York angekommen ist und eine erste Krise überstanden hat, sich auf das ihr Vertraute besinnt. So ist Lady Bird auch ein Film über emotionale, spirituelle und geografische Heimat, die man erst als solche begreift, wenn man sie verlassen hat.
Trailer:
Film-Credits
USA 2017
Produzent:
Scott Rudin, Eli Bush, Evelyn O'Neill
Regie:
Greta Gerwig
Drehbuch:
Greta Gerwig
Kamera:
Sam Levy
Schnitt:
Nick Houy
Musik:
Jon Brion
Darsteller:
Saoirse Ronan (Lady Bird), Laurie Metcalf (Marion), Paul Keller (Priester), Tracy Letts (Larry), Timothée Chalamet (Kyle) u.a.
Format:
DCP, Farbe 95 Min.
Verleih:
Universal Pictures International Germany GmbH
Postfach 710848, 60498 Frankfurt/Main, Tel.:+49 069 222 821 0, Fax: +49 069 666 65 09, info@universal-pictures-international-germany.de, http://www.universal-pictures.de/
Preise:
Golden Globe 2018 - Beste Komödie
Kinostart:
19. April 2018
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
USA
Ebbing ist ein fiktiver kleiner Ort. Aber er liegt in Missouri, ebenso wie Ferguson, die Stadt, die immer wieder in die Schlagzeilen gerät.
Mildred Hayes mietet drei großformatige Werbeschilder an einer wenig befahrenen Landstraße. Irgendetwas in ihrem harten und bitteren Gesicht verrät schon zu Beginn, dass sie nicht auf Reklame für den Souvenirladen aus ist, in dem sie arbeitet. Vor sieben Monaten wurde ihre Tochter brutal ermordet. Die Ermittlungen sind ergebnislos geblieben. Mildred versucht mit ihrer Botschaft, die sie auf den drei Schildern anbringen lässt, die örtliche Polizei zur Arbeit zu zwingen. Was auch den Plot für einen Standard-Rache-Thriller hergegeben hätte, geht gänzlich eigene Wege. 
Die Geschichte der drei Werbeschilder verbindet Mildred  mit dem pragmatischen Polizeichef Willoughby und dem lupenreinen angry white male Polizist Dixon. In starken Dialogen greift der Film Themen wie Polizeigewalt, Rassismus und rape culture auf. Aber ohne zu moralisieren. So wird der Polizeichef damit konfrontiert, dass die meisten seiner Mitarbeiter Rassisten sind. Seine Antwort: „Wenn alle rassistischen Polizisten die Polizei verlassen würden, dann wären nur noch drei übrig. Und die wären alle Schwulenhasser.“    
Der irische Regisseur und Dramatiker Martin McDonagh entwirft mit solchen Sätzen ein Bild der amerikanischen Kleinstadt, das hart ist und über das man doch immer wieder lachen muss. Die folgerichtige Entwicklung von Mildred und die weiter eskalierende Spirale von Gewalt und Gegengewalt erzeugen einen enormen Sog, dem man sich über die gesamte Laufzeit nicht entziehen kann. Von der grandiosen Einführung der Billboard-Botschaft in leuchtendem Orange bis zu den drei unterschiedlichen Familienentwürfen der Figuren bietet Three Billboards Outside Ebbing, Missouri gelungene und nachdenklich stimmende Unterhaltung. Und am Ende lässt sich diskutieren, was am Ziel dieser schwarzhumorig-düsteren Reise auf die Figuren wartet.
 
Film-Credits
USA
Produzent:
Graham Broadbent, Peter Czernin, Martin McDonagh
Regie:
Martin McDonagh
Drehbuch:
Martin McDonagh
Kamera:
Ben Davis
Schnitt:
John Gregory
Musik:
Carter Burwell
Darsteller:
Frances McDormand (Mildred Hayes), Woody Harrelson (Polizeichef Willoughby), Sam Rockwel (Officer Dixon)l, Peter Dinklage (James) u.a.
Format:
DCP, Farbe 115 Min.
Verleih:
Fox - Twentieth Century Fox of Germany GmbH
Darmstädter Str. 114, 60598 Frankfurt am Main, Tel.:+49 069 60 90 20, Fax: +49 069 60 90 21 02, http://www.fox.de
Kinostart:
25. Januar 2018
Die Maisinsel (Simindis kundzuli)
Regie: George Ovashvili
Drehbuch: Roelof Jan Minneboo, George Ovashvili, Nugzar Shataidze
Georgien, Deutschland, Frankreich, Tschechien, Kasachstan 2014
In jedem Frühjahr bilden sich im Fluss Enguri Inseln aus Geröll und Sand, die aus den Höhen des Kaukasus in die Ebene geschwemmt werden. An der Grenze zwischen Abchasien und Georgien entsteht so fruchtbares Schwemmland, das von Menschen bebaut werden kann. Der alte Abga und seine sechzehnjährige Enkelin Asida errichten auf einer solchen Flussinsel eine Hütte, graben den Boden um und säen Mais. Während er wächst, erinnern Gewehrfeuer von den Ufern und vorbeifahrende Boote mit Bewaffneten immer wieder an den in der Region fortschwelenden Konflikt. Eines Tages findet Asida im Maisfeld einen verwundeten Soldaten, den sie versteckt und zu dem sie sich hingezogen fühlt. Als dessen Verfolger sich bedrohlich nähern, bereitet der Großvater seine Flucht vor. Im schweren Regen des Spätsommers erntet er den Mais, um ihn vor den steigenden Fluten zu retten.
 
Im Kreislauf von Bebauen, Säen und Ernten erzählt der Film von einem Leben unter feindlichen Bedingungen. Hauptakteur ist eine vom Fluss geschaffene Insel, die stets im Fokus der Kamera liegt. Umgeben und bedroht vom Wasser wächst dieses Niemandsland langsam heran, wird dabei geformt und bebaut verschwindet wieder in den Stürmen der Zeit. Die Schönheit und Wildheit der Landschaft, die ausdrucksstarken Gesichter, einfache Handgriffe und sinnfällige Gesten sprechen für sich, Dialoge sind auf das Notwendige beschränkt. Der Film wird so zum Gleichnis auf das menschliche Leben überhaupt: es wird geschaffen, gestaltet und ist in seiner Dauer begrenzt. Die Gewaltsamkeit ringsum macht die Insel zu einem fragilen Asyl, das Großvater und Enkelin eine befristete Zuflucht gewährt und einem Verfolgten vorübergehend Schutz bietet. Generationen übergreifend wird die Insel zum Sinnbild einer Welt, die als Schöpfung Gottes erfahrbar wird: wenn auch nur auf Zeit können Arbeit und Mitmenschlichkeit einen Ort fruchtbar und bewohnbar machen. 
 
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Film-Credits
Georgien, Deutschland, Frankreich, Tschechien, Kasachstan 2014
Produzent:
Alamdary Film, 42film, Arizona Productions, Axman Production, Kazakhfilm
Regie:
George Ovashvili
Drehbuch:
Roelof Jan Minneboo, George Ovashvili, Nugzar Shataidze
Kamera:
Elemér Ragályi
Schnitt:
Sun-Min Kim
Musik:
Josef Bardanashvili
Darsteller:
Ilyas Salman (Abga), Mariam Buturishvili (Asida), Irakli Samushia (Soldat), Tamer Levent (Offizier)
Format:
DCP, Farbe 100 Min.
Verleih:
Neue Visionen Filmverleih GmbH
Schliemannstr. 5, Berlin Tel.:+49 030 440088-44, Fax: +49 030 440088-45, info@neuevisionen.de, www.neuevisionen.de
Preise:
Krystal Globe und Preis der Ökumenischen Jury, Karlovy Vary 2014, Publikumspreis Cottbus 2014
Kinostart:
28. Mai 2015
Der wundersame Katzenfisch (Los insólitos peces gato)
Regie: Claude Sainte-Luce
Drehbuch: Claude Sainte-Luce
Mexiko 2013

Die 22-jährige Claudia, eine Waise seit ihrem zweiten Lebensjahr, ist eine Einzelgängerin, die im Supermarkt arbeitet und soziale Kontakte meidet. Eine Blinddarmentzündung bringt sie ins Krankenhaus, wo sie mit Martha ein Zimmer teilt, die trotz ihrer AIDS-Erkrankung voller Lebensfreude steckt. Als die alleinerziehende Mutter von vier Kindern sieht, wie Claudia nach ihrer Operation einsam das Krankenhaus verlässt, lädt sie sie zu sich nach Hause ein. Zunächst fällt es ihr schwer, im turbulenten Haushalt der vier Geschwister ihren Platz zu finden. Doch mit den gemeinsamen Mahlzeiten, den Späßen untereinander, aber auch den Konflikten fühlt sie sich immer stärker zugehörig und wächst langsam in die Rolle einer älteren Schwester. Als die geschwächte Martha auf einer Familienreise ans Meer zusammenbricht, steht Claudia vor der Frage, ob sie vollends die Verantwortung für die nun elternlosen Kinder übernehmen kann.

In ihrem Debütfilm erzählt die mexikanische Regisseurin von den schweren Herausforderungen, denen Familien und Einzelne ausgesetzt sind, wenn in Notlagen staatliche Unterstützung kaum vorhanden ist und die Männer ihre Vaterrolle nicht wahrnehmen. Mit warmherzigem Humor und Mitgefühl versuchen alle, den täglichen Belastungen zu begegnen. Durch die Balance zwischen gelassener Heiterkeit und selbstbewusster Auseinandersetzung finden sie ihren Platz im komplizierten Familiengefüge. Der Film entwirft dabei manchmal surreale Bilder von räumlicher Enge einerseits und von emotionaler Offenheit andererseits. „Der wundersame Katzenfisch“ ist eine Metapher für die dynamische Kraft der Familie, Einzelne aus ihrer Isolation herauszuholen und trotz existentieller Probleme Geborgenheit zu bieten. Dabei sind es insbesondere alleinerziehende Mütter und einzelne Frauen, die den zerbrechlichen Familien Halt und Hoffnung geben.
 

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Film-Credits
Mexiko 2013
Produzent:
Geminiano Pineda
Regie:
Claude Sainte-Luce
Drehbuch:
Claude Sainte-Luce
Kamera:
Agnès Godard
Schnitt:
Santiago Ricci
Musik:
Madame Recamier
Darsteller:
Ximena Ayala (Claudia), Lisa Owen (Martha), Sonia Franco (Ale), Wendy Guillén (Wendy), Andrea Baeza (Mariana), Alejandro Ramírez Munoz (Armando)
Format:
DCP 89 Min.
Verleih:
Arsenal Filmverleih GmbH
Hintere Grabenstr. 20, Tübingen Tel.:+49 07071 9296-0, Fax: +49 07071 9296-11, info@arsenalfilm.de, www.arsenalfilm.de
Preise:
Preis der Jugendjury, Locarno 2013
Kinostart:
10. Juli 2014
Djeca - Kinder von Sarajevo
Regie: Aida Begić
Drehbuch: Aida Begić
Bosnien-Herzegowina 2012

Die 23jährige Rahima lebt mit ihrem zehn Jahre jüngeren Bruder Nedim in einer heruntergekommenen Mietwohnung. Ihre Eltern wurden im Bosnienkrieg getötet, beide sind in einem Waisenhaus aufgewachsen. Die Kriegserlebnisse haben bei ihnen tiefe seelische Verletzungen hinterlassen. Rahima hat sich nach rebellischen Teenagerjahren dem Islam zugewandt und arbeitet als Köchin in einem Restaurant. Sie trägt ihr Kopftuch wie einen Schutz gegen eine aggressive Umwelt. Vor allem aber sorgt sie sich um ihren Bruder. Nedim gerät in seiner Schule in Konflikte mit den Kindern der neuen Elite. Es droht der Verweis von der Schule. Das Leben in dieser Nachkriegsgesellschaft mit ihren neuen Reichen, der steigenden Verarmung großer Teile der Bevölkerung und den Zerstörungen der Vergangenheit ist kaum noch zu bewältigen. Vielleicht kann Rahima sich selbst so wenig helfen wie ihrem Bruder. Doch schließlich erkennen die Geschwister, dass sie aufeinander angewiesen sind.

Wie sich traumatische Erfahrungen des Krieges auf den Einzelnen wie auch auf die Gesellschaft auswirken, zeigt der Film auf eindrucksvolle Weise. Der Verlust der Eltern hat Vertrauen grundlegend zerstört, so dass alle gegenwärtigen Beziehungen im Schatten düsterer Erinnerungen stehen. Eine hochbewegliche Kameraführung macht die innere Unruhe sichtbar, die das Leben bestimmt. Korruption, mafiaähnliche Strukturen, rechtliche und wirtschaftliche Unsicherheit erzeugen ein Klima andauernder Bedrohung. Der Alltag wird zum Kampf um die eigene Würde und um die Anerkennung der erlittenen Verletzungen durch die anderen – gegen Unterdrückung und Aggression, gegen sexuelle, religiöse oder ethnische Diskriminierung, gegen Zynismus, Misstrauen und Gleichgültigkeit, die die Gegenwart prägen. Die kleinen Schritte aufeinander zu sind es, die in diesem Film Hoffnung jenseits der Traumatisierung machen.

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Trailer:
Film-Credits
Bosnien-Herzegowina 2012
Produzent:
Aida Begić - Film House Sarajevo
Regie:
Aida Begić
Drehbuch:
Aida Begić
Kamera:
Erol Subčević
Schnitt:
Miralem Subčević
Darsteller:
Marija Pikic (Rahima), Ismir Gagula (Nedim), Nikola Duricko (Tarik), Stasa Dukic (Selma), Velibor Topic (Melic)
Format:
DCP 90 Min.
Verleih:
barnsteiner-film
Dorfstr. 15, 24361 Klein Wittensee, Tel.: 04356 996568-0, Fax: 04356 996568-2, dispo@barnsteiner-film.de, www.barnsteiner-film.de
Kinostart:
7. November 2013
Stein der Geduld
Regie: Atiq Rahimi
Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Atiq Rahimi
Frankreich, Deutschland, Afghanistan 2012

Eine Stadt in Afghanistan. Mit geöffneten Augen, aber unfähig zu sprechen und sich zu bewegen, liegt ein Mann in einem Haus. Seine junge Frau pflegt ihn. Sie ist verzweifelt, um sie herum tobt der Krieg, bei dem man kaum mehr versteht, wer gegen wen kämpft. Sie spricht mit ihrem Mann. Als die Kämpfe im Viertel eskalieren, bringt sie ihre Kinder in Sicherheit, in ein Bordell, in dem die Tante arbeitet. Sie kehrt zu ihrem Mann zurück, kümmert sich um ihn und spricht weiter. Mit einem jungen stotternden Krieger, der sie im Haus entdeckt, beginnt sie eine erotische Beziehung – und spricht weiter mit ihrem Mann.

Der leblose Körper wird zu einem „seng-e-sabur“, einem Stein der Geduld, dem die Afghanen ihr Leid anvertrauen. „In einer Gesellschaft wie dieser kann die Frau nur sprechen, wenn Ihr Mann stumm ist“, sagt die Schauspielerin Golshifteh Farahani, die mit ihrer beeindruckenden Leistung den Film trägt. Bezeichnenderweise wird ein Stotterer der Liebhaber der Protagonistin. Mit ihm erkundet sie eine neugierige, selbstbestimmte Erotik. „Es ist ein Film über das Sprechen, aber über das Sprechen als Handlung“ sagt Regisseur Atiq Rahimi. Die gleichsam theaterhafte Szenerie eröffnet den Raum für Spekulationen: was würde geschehen, wenn Frauen gehört würden, wenn Männer in Afghanistan auf Augenhöhe und offen miteinander sprechen könnten? Wie sehr die Fragen nach dem eigenen Körper, der Liebe und der Beziehung politische Fragen sind wird in „Stein der Geduld“ greifbar. Die selbstbewusste Tante bringt es auf den Punkt: „Männer, die nicht lieben können, ziehen in den Krieg“.

Rahimi hat mit „Stein der Geduld“ seinen eigenen, vielfach ausgezeichneten Roman verfilmt. Ihm gelingt eine eindrückliche, formal souveräne Studie über die Situation der Frauen in einem zerrissenen Land. Der Film ist ein beeindruckendes Kammerspiel, subtil visualisiert, eine überzeugende, dramatische Parabel über die politische Bedeutsamkeit einer individuellen Emanzipation.

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Film-Credits
Frankreich, Deutschland, Afghanistan 2012
Produzent:
The Film/Razor Film
Regie:
Atiq Rahimi
Drehbuch:
Jean-Claude Carrière, Atiq Rahimi
Kamera:
Thierry Arbogast
Schnitt:
Hervé de Luz
Musik:
Max Richter
Darsteller:
Golshifteh Farahani (Frau), Hassina Burgan (Tante), Massi Mrowat (Soldat), Hamidreza Djardan (Mann)
Verleih:
Rapid Eye Movies - REM
Aachener Str. 26, Köln Tel.:+49 0221 569 579-0, Fax: +49 0221 569 579-99, info@rapideyemovies.de, http://www.rapideyemovies.de/
Kinostart:
10. Oktober 2013
Das Mädchen Wadjda (Wadjda)
Regie: Haifaa Al Mansour
Drehbuch: Haifaa Al Mansour
Saudi-Arabien, Deutschland 2012

Ihr Kopftuch flattert munter im Wind. Zu munter, findet die Rektorin. Wadjda  soll am nächsten Tag ordentlich verschleiert zur Schule kommen. Die Zehnjährige, die mit Vater und Mutter in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad wohnt, ist ein bisschen auffällig. Unter ihrem schwarzen Gewand blitzen lilafarbene „Converse“-Turnschuhe hervor, sie stellt viele Fragen und hat einen enormen Bewegungsdrang. Aber der wird beständig ausgebremst. Unter dem Regime der Wahhabiten, die den Islam extrem streng auslegen, führen Frauen ein Leben zweiter Klasse: möglichst unsichtbar in der Öffentlichkeit, beschränkt in der Berufswahl, beständig kontrolliert von Vätern, Ehemännern – und sogar von anderen Frauen. Das poppige Fahrrad, das Wadjda in einem Spielzeugladen gesehen hat, wird zum Versprechen auf eine bessere Zukunft. Um das Geld dafür zu erwirtschaften, nimmt das Mädchen an einem Schulwettbewerb teil, für den sie die Verse des Korans auswendig lernen muss.

Kinos gibt es in Saudi-Arabien seit den siebziger Jahren nicht mehr, Filme werden kaum produziert. Haifaa Al Mansour ist die erste Regisseurin, die einen Spielfilm im Land drehen konnte. Was nicht ganz einfach war: Trotz offizieller Unterstützung durfte sie sich bei der Arbeit auf der Straße nicht von der Religionspolizei erwischen lassen. Umso erstaunlicher ist es, wie präzise Al Mansour das Leben der Frauen in Riad nachzeichnet. Wie im Vorbeigehen entwirft sie einprägsame Porträts: Da ist Wadjdas Mutter, deren Schönheit und Sanftheit den Vater nicht daran hindern, eine zweite Frau zu nehmen. Da ist die Schulleiterin, die Highheels trägt und möglicherweise einen Liebhaber hat, ihre Mädchen aber zum Konformismus anhält. Und natürlich ist da die umtriebige jugendliche Heldin, die inmitten eines mittelalterlichen Systems den Aufbruch in die Moderne versucht: Praktisch im Alleingang zieht „Das Mädchen Wadjda“ den Schleier von einem Land, über das wir im Westen immer noch viel zu wenig wissen.

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Film-Credits
Saudi-Arabien, Deutschland 2012
Produzent:
Razor Film, Roman Paul, Gerhard Meixner
Regie:
Haifaa Al Mansour
Drehbuch:
Haifaa Al Mansour
Kamera:
Lutz Reitemeier
Schnitt:
Andreas Wodraschke
Musik:
Max Richter
Darsteller:
Reem Abdullah (Mutter), Waad Mohammed (Wadjda), Abdullrahman Al Gohani (Abdullah), Direktorin Hussa (Ahd), Sultan Al Assaf (Vater) u.a.
Format:
Farbe, Digital 97 Min.
Verleih:
Koch Media GmbH
Lochhamer Straße 9, Planegg/München Tel.: 089 2424 5174, Fax: 089 2424 53 174, v.falcenberg@kochmedia.com, http://www.kochmedia-film.de/home/
Preise:
INTERFILM-Preis und Cinema Avenire Award, Venedig 2012, Netpac Award, Tallinn 2012, Bester Film, Beste Schauspielerin, Dubai 2012; Fritz-Gerlich-Preis, München 2013
Kinostart:
5. September 2013
Frances Ha
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Greta Gerwig, Noah Baumbach
USA 2012

Sie ist Mitte/Ende Zwanzig, lebt in Brooklyn und will Tänzerin werden. Doch für Frances ist der schwierigste Tanz, ihren Ort in der Metropole New York City zu finden. Sie zieht von Apartment zu Apartment und wechselt dabei die Liebhaber. Zwischen dem Verlangen nach individueller Freiheit und sozialer Sicherheit bewegt sich Frances hin und her. Ihre Laufbahn als Tänzerin erscheint nicht sehr aussichtsreich. Zugleich muss sie sich um einen Job für den täglichen Lebensunterhalt bemühen. Dann begegnet sie Benji und alles könnte sich ändern. Aber ist er der ersehnte Partner, mit dem sie zusammen leben möchte? Am liebsten ist ihr die Gemeinschaft mit ihrer alten Freundin Sophie, auch wenn diese für einige Zeit mit ihrem Verlobten nach Tokyo geht. Denn sie teilen die gleiche Wortgewandtheit, Ironie und Offenheit gegenüber dem Ungewissen, Neuen und Überraschenden. Doch diese Freiheit hat auch ihren Preis.

In pointierten schwarz-weißen Momentaufnahmen fängt der Film das Lebensgefühl einer ganzen Generation ein, die urban und unideologisch, neugierig und unterbeschäftigt ist. Existentielle und materielle Probleme werden mit einer gewitzten Coolness abgefangen; die Dramen spielen sich eher im Kopf des Publikums als unter den Hauptpersonen selbst ab. Sehr genau, aber auch mit viel Liebe für weitgespannte Interessen und instabile Situationen porträtiert die Kamera die Hauptfigur Frances, die stets fragmentarisch, unvollkommen und mit vielen unbeantworteten Fragen beschäftigt dargestellt wird. Doch gerade in dieser Offenheit ist sie zutiefst menschlich und liebenswert. Es sind die Umwege und Krisen, die sie zu der Erkenntnis führen, niemals mit sich und ihrer Welt fertig zu sein. Freiheit wird hier zur Frage einer Lebensführung, die sich andauernd zwischen Aufbruch und Geborgenheit entscheiden muss. Der Film stellt dabei die Frage nach Orientierung im Labyrinth der urbanen Identitäts- und Beziehungsangebote.

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Film-Credits
USA 2012
Produzent:
Pine District Pictures, RT Features, Scott Rudin Productions
Regie:
Noah Baumbach
Drehbuch:
Greta Gerwig, Noah Baumbach
Kamera:
Sam Levy
Schnitt:
Jennifer Lame
Musik:
George Drakoulias
Darsteller:
Greta Gerwig (Frances), Mickey Sumner (Sophie), Michael Esper (Dan), Adam Driver (Lev) u.a.
Format:
DCP, s/w 86 Min.
Verleih:
MFA+ Filmdistribution e.K.
Bismarckplatz 9, Regensburg Tel.:+49 0941 586 24 62, Fax: +49 0941 586 17 92, info@mfa-film.de, www.mfa-film.de
Kinostart:
1. August 2013
Promised Land
Regie: Gus van Sant
Drehbuch: John Krasinski, Matt Damon
USA, Vereinigte Arabische Emirate 2012

Die Kleinstadt McKinley irgendwo im amerikanischen Hinterland hat die besten Jahre hinter sich. Die Aussichten auf Bildung und Jobs für die Bewohner sind schlecht. Aber es gibt Hoffnung. Der Energiekonzern „Global Crosspower Solutions“ hat Erdgasvorkommen entdeckt. Durch „Fracking“ soll das Gas gewonnen werden, bei dem neben der Tiefenbohrung auch hochgiftige chemische Mittel eingesetzt werden. Der künftige Manager Steve soll mit seiner Kollegin Sue die Bewohner davon überzeugen, dass sie der Firma ihr Land verpachten – nicht zuletzt durch verlockende finanzielle Angebote. Er stammt selbst aus einer ländlich geprägten Welt und fühlt sich fast wie zu Hause; auch die Lehrerin der Schule, Alice, zieht ihn an. Doch einige Bewohner wie der ehemalige Ingenieur Frank stellen kritische Fragen nach der ökologischen Verträglichkeit des Fracking. Als der Umweltaktivist Dustin die Bevölkerung über gravierende Umweltschäden bei dieser Methode der Energiegewinnung informiert, wachsen die Widerstände.

Der Konflikt zwischen ökonomischem Kalkül und ökologischen Notwendigkeiten hat nun auch das ländliche Amerika erreicht. Auf lokaler Ebene müssen Entscheidungen getroffen werden, die von den Einzelnen Sachkompetenz und Urteilsvermögen verlangen. Der Film, der an die amerikanische Tradition kommunaler Selbstverwaltung appelliert, ist ein Plädoyer für ein hohes Maß an Bürgerbeteiligung – und ein Mißtrauensvotum gegen die Strategien globaler Konzerne, die sich über die natürlichen Lebensgrundlagen hinwegsetzen. Das Spiel um den höchsten Profit kann auch auf Kosten der örtlichen Gemeinschaft gehen. Die Stimmung einer solchen Kommune angesichts der ökologischen und ökonomischen Herausforderungen fängt der Film in detailgenauer Beobachtung ein. Soziale Nähe, Zukunftsängste, Korruption und die Manipulation der öffentlichen Meinung stellen den Einzelnen wie die Kleinstadt vor eine Zerreißprobe. Die Frage, was im „gelobten Land“ die Menschen verbindet und zusammenhält, sucht nach einer Antwort.

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DVD:
Trailer:
Film-Credits
USA, Vereinigte Arabische Emirate 2012
Produzent:
John Krasinski, Matt Damon, Chris Moore
Regie:
Gus van Sant
Drehbuch:
John Krasinski, Matt Damon
Kamera:
Linus Sandgren
Schnitt:
Billy Rich
Musik:
Danny Elfman
Darsteller:
Matt Damon (Steve Butler), John Krasinski (Dustin Noble), Frances McDormand (Sue Thomason), Rosemarie DeWitt (Alice) u.a.
Verleih:
Universal Pictures International Germany GmbH
Postfach 710848, 60498 Frankfurt/Main, Tel.:+49 069 222 821 0, Fax: +49 069 666 65 09, info@universal-pictures-international-germany.de, http://www.universal-pictures.de/
Kinostart:
13. Juni 2013
La Pirogue
Regie: Moussa Touré
Drehbuch: Abasse Ndione, David Bouchet, Eric Nevé
Frankreich, Senegal, Deutschland 2012

„Im Senegal hat sich eigentlich aus jeder Familie jemand mit einem Boot auf den Weg gemacht, um sein Glück in Europa zu suchen“, sagt der Regisseur Moussa Touré über die Entstehung seines Films. „La Pirogue“ erzählt von dem Fischer Baye Laye, der sich widerwillig als Kapitän anheuern lässt, um eine Gruppe von Migranten über den Atlantik zu den Kanarischen Inseln zu bringen. In einem schlichten Motorboot, das eigentlich für den Fischfang in Küstengewässern gebaut ist, mit einem Minimum an Ausrüstung und Know-how. An Bord befinden sich dreißig Männer unterschiedlicher Herkunft, die sich kaum verständigen können, darunter auch der Schlepper Lansana und Baye Layes jüngerer Bruder Abou. Sie alle haben teuer bezahlt für die Überfahrt. Sie alle haben Pläne, träumen von Karrieren als Fußballer und Musiker oder einfach nur davon, auf einer spanischen Gemüseplantage ein vernünftiges Auskommen zu finden. Und sie haben Angst. Aber nur Baye Laye kann sich vorstellen, was wirklich auf die Piroge zukommt.

2006, auf dem Höhepunkt einer neueren Migrationswelle, erreichten 32.000 Flüchtlinge unter Führung senegalesischer Fischer die Kanaren. Über 1000 Migranten sind in diesem Jahr ertrunken, Tausende gelten als vermisst. „La Pirogue“ erhellt in klaren, eindrucksvollen, doch nie reißerischen Bildern, was hinter diesen Zahlen steckt. Man erfährt viel in diesem Film: Über die Beziehungen zwischen Auswanderern und Zurückgebliebenen, über die keineswegs irrationale Ökonomie der Migration, die auch Geld ins Heimatland zurückspült, über die Vorstellungen, die die Migranten von ihrem künftigen Leben haben. Und man spürt, was es heißt, auf die einfachsten Dinge zurückgeworfen zu sein: Wie reagieren, wenn Wasser und Benzin knapp werden, wie schlafen auf einer schmalen Holzpritsche, wie Mensch bleiben, wenn sich alles aufs schiere Überleben reduziert? Auf kleinstem Raum entfaltet „La Pirogue“ ein großes Drama: Das von Millionen Menschen, die in unserer Welt ungleich verteilter Güter um Lebenschancen kämpfen.

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Trailer:
Film-Credits
Frankreich, Senegal, Deutschland 2012
Produzent:
Eric Nevé
Regie:
Moussa Touré
Drehbuch:
Abasse Ndione, David Bouchet, Eric Nevé
Kamera:
Thomas Letellier
Schnitt:
Josie Miljevic
Darsteller:
Souleymane Seye Ndiaye (Baye Laye), Mahamine Drame (Abou), Laïty Fall (Lansana) u.a.
Format:
DCP 87 Min.
Verleih:
EZEF - Evangelisches Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit
Kniebisstr. 29, Stuttgart Tel.:+49 0711 2847243, Fax: +49 0711 2846936, info@ezef.de, http://www.ezef.de/
Preise:
Goldener Tanit, Filmfestival Karthago 2012 ARRI-Preis (Bester internationaler Film), Filmfest München; Prix Lumière 2013 (Bester frankophoner Film)
Kinostart:
18. April 2013
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