In den Gängen
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber
Deutschland 2018

Der wortkarge, aber umgängliche Christian (Franz Rogowski) nimmt eine neue Arbeit auf: in einem Großmarkt wird er in der Getränkeabteilung eingeteilt. Bruno (Peter Kurth), den die anderen „Häuptling“ nennen, nimmt sich seiner an, wie ein väterlicher Freund. Christian lernt die Mechanik des Gabelstaplers kennen, und Bruno zeigt ihm geduldig, wie man vom obersten Regal Getränkekästen aufnimmt und schadlos transportiert und wie man die Regale befüllt. Der Großmarkt und seine Angestellten, das ist der Kosmos, der nun Christians Lebenswelt ausmacht. In den Gängen des Großmarkts trifft er auf Marion (Sandra Hüller), die für die Süßwarenabteilung zuständig ist. „Frischling“ nennt sie ihn, und lässt sich gern von Christian zu einem Kaffee aus dem Automaten einladen. Zwischen beiden entwickeln sich zarte Bande. Er solle gut mit ihr umgehen, rät Bruno, denn Marion leidet unter ihrem Ehemann. Wenn Christian abends Feierabend hat und auf den Bus wartet, der ihn nach Hause bringt, ist es bereits dunkel. An Weihnachten wartet er darauf, dass die Feiertage vorbeigehen, damit er wieder in seinen Arbeitsalltag kann. Als Marion für längere Zeit krankgeschrieben wird und nicht mehr zur Arbeit kommt, droht dies den genügsamen Christian aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Mit In den Gängen ist das Soziale auf höchst zeitgemäße Weise ins deutsche Kino zurückgekehrt. Der Film von Thomas Stuber, der auf einer Kurzgeschichte aus dem Band „Die Nacht, die Lichter“ von Clemens Meyer beruht, schildert die Lebenswirklichkeit von Menschen, die selten öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Mit sorgfältigen und feinen Federstrichen, die ebenso poetisch wirken wie sie nüchtern sind, zeigt der Film die sozialen Beziehungen zwischen Menschen in ihrer Arbeitswelt und macht dabei auch die Auswirkungen der Transformation in Ostdeutschland sichtbar. Ein lakonischer Film, der seine Protagonisten und deren routinemäßigen Arbeitsalltag so aufmerksam und bei aller Ernsthaftigkeit mit einem Funken Humor schildert, dass man inspiriert wird, genauer hinzuschauen.

Film-Credits
Deutschland 2018
Produzent:
Jochen Laube, Fabian Maubach
Regie:
Thomas Stuber
Drehbuch:
Clemens Meyer, Thomas Stuber
Kamera:
Peter Matjasko
Schnitt:
Kaya Inan
Darsteller:
Franz Rogowski (Christian), Sandra Hüller (Marion), Peter Kurth (Bruno) u.a.
Format:
DCP, Farbe 125 Min.
Verleih:
Zorro Film GmbH
Astallerstr. 23, 80339 München, Tel.:+49 89 452 352 923, Fax: +49 89 452 352 911, info@zorrofilm.de, www.zorrofilm.de
Preise:
Deutscher Drehbuchpreis 2015: Auszeichnung für Thomas Stuber und Clemens Meyer Auszeichnung als Bester Film im Wettbewerb der Berlinale mit dem Gilde-Filmpreis (Thomas Stuber) Auszeichnung mit dem Preis der Ökumenischen Jury (Thomas Stuber) Deutscher Filmpreis 2018: Auszeichnung für die Beste männliche Hauptrolle (Franz Rogowski)
Kinostart:
24. Mai 2018
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
USA
Ebbing ist ein fiktiver kleiner Ort. Aber er liegt in Missouri, ebenso wie Ferguson, die Stadt, die immer wieder in die Schlagzeilen gerät.
Mildred Hayes mietet drei großformatige Werbeschilder an einer wenig befahrenen Landstraße. Irgendetwas in ihrem harten und bitteren Gesicht verrät schon zu Beginn, dass sie nicht auf Reklame für den Souvenirladen aus ist, in dem sie arbeitet. Vor sieben Monaten wurde ihre Tochter brutal ermordet. Die Ermittlungen sind ergebnislos geblieben. Mildred versucht mit ihrer Botschaft, die sie auf den drei Schildern anbringen lässt, die örtliche Polizei zur Arbeit zu zwingen. Was auch den Plot für einen Standard-Rache-Thriller hergegeben hätte, geht gänzlich eigene Wege. 
Die Geschichte der drei Werbeschilder verbindet Mildred  mit dem pragmatischen Polizeichef Willoughby und dem lupenreinen angry white male Polizist Dixon. In starken Dialogen greift der Film Themen wie Polizeigewalt, Rassismus und rape culture auf. Aber ohne zu moralisieren. So wird der Polizeichef damit konfrontiert, dass die meisten seiner Mitarbeiter Rassisten sind. Seine Antwort: „Wenn alle rassistischen Polizisten die Polizei verlassen würden, dann wären nur noch drei übrig. Und die wären alle Schwulenhasser.“    
Der irische Regisseur und Dramatiker Martin McDonagh entwirft mit solchen Sätzen ein Bild der amerikanischen Kleinstadt, das hart ist und über das man doch immer wieder lachen muss. Die folgerichtige Entwicklung von Mildred und die weiter eskalierende Spirale von Gewalt und Gegengewalt erzeugen einen enormen Sog, dem man sich über die gesamte Laufzeit nicht entziehen kann. Von der grandiosen Einführung der Billboard-Botschaft in leuchtendem Orange bis zu den drei unterschiedlichen Familienentwürfen der Figuren bietet Three Billboards Outside Ebbing, Missouri gelungene und nachdenklich stimmende Unterhaltung. Und am Ende lässt sich diskutieren, was am Ziel dieser schwarzhumorig-düsteren Reise auf die Figuren wartet.
 
Film-Credits
USA
Produzent:
Graham Broadbent, Peter Czernin, Martin McDonagh
Regie:
Martin McDonagh
Drehbuch:
Martin McDonagh
Kamera:
Ben Davis
Schnitt:
John Gregory
Musik:
Carter Burwell
Darsteller:
Frances McDormand (Mildred Hayes), Woody Harrelson (Polizeichef Willoughby), Sam Rockwel (Officer Dixon)l, Peter Dinklage (James) u.a.
Format:
DCP, Farbe 115 Min.
Verleih:
Fox - Twentieth Century Fox of Germany GmbH
Darmstädter Str. 114, 60598 Frankfurt am Main, Tel.:+49 069 60 90 20, Fax: +49 069 60 90 21 02, http://www.fox.de
Kinostart:
25. Januar 2018
Camino a La Paz
Regie: Francisco Varone
Drehbuch: Francisco Varone
Argentinien 2015

Sebastian ist ein moderner Taugenichts, Anfang 30, sympathisch, aber ohne einen genauen Plan, was er mit seinem Leben machen möchte. Durch einen Zufall wird er zum Taxifahrer, zufällig lernt er auch Jalil kennen. Jalil ist ein ernster, eher kauziger älterer Herr, ein gläubiger Muslim, der die Regeln seiner Religion befolgt, jedoch durchaus leger auslegt. Eines Tages fragt Jalil den jüngeren Mann, ob dieser ihn nach La Paz fahren könnte. Denn Jalil hat ein Ziel. Er will nach Mekka pilgern, zuvor jedoch in La Paz seinen Bruder abholen. Weil Sebastian Geld braucht, sagt er zu. So machen sich die beiden Männer auf die weite Autofahrt vom argentinischen Buenos Aires nach Bolivien, mit einem Dialysegerät im Gepäck und wechselnden Reisebegleitern. Bald erhalten sie Gesellschaft durch einen angefahrenen Hund, dann stößt zeitweilig eine junge Frau dazu. Staunend nimmt der säkulare Sebastian eines Abends gemeinsam mit Jalil an einer sufistischen Feier in einer muslimischen Gemeinde teil. Im Verlauf der Fahrt verlieren die Beiden sukzessive ihren Besitz und übernehmen, nachdem sie einige Krisen überstanden und die aus ihren Gegensätzen resultierenden Konflikte verhandelt haben, mehr und mehr Verantwortung für den anderen. Am Ziel der Reise scheinen beide innere Orientierung gefunden zu haben. 

Das Taxi als Topos der kleinsten territorialen Einheit erhält in „Camino a La Paz“ eine unaufdringliche, plausible Variation. Unterschiedliche Lebensentwürfe begegnen sich hier kurzzeitig, intensiv und hinterlassen Spuren. In „Camino a La Paz“ wird der Roadmovie zur Pilgerfahrt. Ein Buddy-Movie als Bildungsroman. Der Film überzeugt durch seine lakonische, genau beobachtete und warmherzige Erzählweise. Dem argentinischen Regisseur Francisco Varone gelingt es, der Reisebeschreibung eine spirituelle Dimension abzugewinnen, ohne dass er irgendwelchen dramaturgischen Klischees folgt. Fast beiläufig zeichnet er dabei auch das Bild eines Kontinents der, genau wie sein junger Held, offenbar nicht so recht weiß, wo es hingehen soll und wird.

Film-Credits
Argentinien 2015
Produzent:
Gema Juárez Allen, Francisco Varone, Omar Jadur, Dolores Llosas, Juan Taratuto
Regie:
Francisco Varone
Drehbuch:
Francisco Varone
Kamera:
Christian Cottet
Schnitt:
Federico Peretti, Alberto Ponce
Musik:
Vox Dei
Darsteller:
Rodrigo De la Serna (Sebastian), Ernesto Suarez (Khalil), Elisa Carricajo (Jazmin) u.a.
Format:
DCP 94 Min.
Verleih:
imFilm Agentur
Tel.: 040 431 97 137 , http://www.im-film.de/
Kinostart:
07.06.2018
Die Maisinsel (Simindis kundzuli)
Regie: George Ovashvili
Drehbuch: Roelof Jan Minneboo, George Ovashvili, Nugzar Shataidze
Georgien, Deutschland, Frankreich, Tschechien, Kasachstan 2014
In jedem Frühjahr bilden sich im Fluss Enguri Inseln aus Geröll und Sand, die aus den Höhen des Kaukasus in die Ebene geschwemmt werden. An der Grenze zwischen Abchasien und Georgien entsteht so fruchtbares Schwemmland, das von Menschen bebaut werden kann. Der alte Abga und seine sechzehnjährige Enkelin Asida errichten auf einer solchen Flussinsel eine Hütte, graben den Boden um und säen Mais. Während er wächst, erinnern Gewehrfeuer von den Ufern und vorbeifahrende Boote mit Bewaffneten immer wieder an den in der Region fortschwelenden Konflikt. Eines Tages findet Asida im Maisfeld einen verwundeten Soldaten, den sie versteckt und zu dem sie sich hingezogen fühlt. Als dessen Verfolger sich bedrohlich nähern, bereitet der Großvater seine Flucht vor. Im schweren Regen des Spätsommers erntet er den Mais, um ihn vor den steigenden Fluten zu retten.
 
Im Kreislauf von Bebauen, Säen und Ernten erzählt der Film von einem Leben unter feindlichen Bedingungen. Hauptakteur ist eine vom Fluss geschaffene Insel, die stets im Fokus der Kamera liegt. Umgeben und bedroht vom Wasser wächst dieses Niemandsland langsam heran, wird dabei geformt und bebaut verschwindet wieder in den Stürmen der Zeit. Die Schönheit und Wildheit der Landschaft, die ausdrucksstarken Gesichter, einfache Handgriffe und sinnfällige Gesten sprechen für sich, Dialoge sind auf das Notwendige beschränkt. Der Film wird so zum Gleichnis auf das menschliche Leben überhaupt: es wird geschaffen, gestaltet und ist in seiner Dauer begrenzt. Die Gewaltsamkeit ringsum macht die Insel zu einem fragilen Asyl, das Großvater und Enkelin eine befristete Zuflucht gewährt und einem Verfolgten vorübergehend Schutz bietet. Generationen übergreifend wird die Insel zum Sinnbild einer Welt, die als Schöpfung Gottes erfahrbar wird: wenn auch nur auf Zeit können Arbeit und Mitmenschlichkeit einen Ort fruchtbar und bewohnbar machen. 
 
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Film-Credits
Georgien, Deutschland, Frankreich, Tschechien, Kasachstan 2014
Produzent:
Alamdary Film, 42film, Arizona Productions, Axman Production, Kazakhfilm
Regie:
George Ovashvili
Drehbuch:
Roelof Jan Minneboo, George Ovashvili, Nugzar Shataidze
Kamera:
Elemér Ragályi
Schnitt:
Sun-Min Kim
Musik:
Josef Bardanashvili
Darsteller:
Ilyas Salman (Abga), Mariam Buturishvili (Asida), Irakli Samushia (Soldat), Tamer Levent (Offizier)
Format:
DCP, Farbe 100 Min.
Verleih:
Neue Visionen Filmverleih GmbH
Schliemannstr. 5, Berlin Tel.:+49 030 440088-44, Fax: +49 030 440088-45, info@neuevisionen.de, www.neuevisionen.de
Preise:
Krystal Globe und Preis der Ökumenischen Jury, Karlovy Vary 2014, Publikumspreis Cottbus 2014
Kinostart:
28. Mai 2015
Der wundersame Katzenfisch (Los insólitos peces gato)
Regie: Claude Sainte-Luce
Drehbuch: Claude Sainte-Luce
Mexiko 2013

Die 22-jährige Claudia, eine Waise seit ihrem zweiten Lebensjahr, ist eine Einzelgängerin, die im Supermarkt arbeitet und soziale Kontakte meidet. Eine Blinddarmentzündung bringt sie ins Krankenhaus, wo sie mit Martha ein Zimmer teilt, die trotz ihrer AIDS-Erkrankung voller Lebensfreude steckt. Als die alleinerziehende Mutter von vier Kindern sieht, wie Claudia nach ihrer Operation einsam das Krankenhaus verlässt, lädt sie sie zu sich nach Hause ein. Zunächst fällt es ihr schwer, im turbulenten Haushalt der vier Geschwister ihren Platz zu finden. Doch mit den gemeinsamen Mahlzeiten, den Späßen untereinander, aber auch den Konflikten fühlt sie sich immer stärker zugehörig und wächst langsam in die Rolle einer älteren Schwester. Als die geschwächte Martha auf einer Familienreise ans Meer zusammenbricht, steht Claudia vor der Frage, ob sie vollends die Verantwortung für die nun elternlosen Kinder übernehmen kann.

In ihrem Debütfilm erzählt die mexikanische Regisseurin von den schweren Herausforderungen, denen Familien und Einzelne ausgesetzt sind, wenn in Notlagen staatliche Unterstützung kaum vorhanden ist und die Männer ihre Vaterrolle nicht wahrnehmen. Mit warmherzigem Humor und Mitgefühl versuchen alle, den täglichen Belastungen zu begegnen. Durch die Balance zwischen gelassener Heiterkeit und selbstbewusster Auseinandersetzung finden sie ihren Platz im komplizierten Familiengefüge. Der Film entwirft dabei manchmal surreale Bilder von räumlicher Enge einerseits und von emotionaler Offenheit andererseits. „Der wundersame Katzenfisch“ ist eine Metapher für die dynamische Kraft der Familie, Einzelne aus ihrer Isolation herauszuholen und trotz existentieller Probleme Geborgenheit zu bieten. Dabei sind es insbesondere alleinerziehende Mütter und einzelne Frauen, die den zerbrechlichen Familien Halt und Hoffnung geben.
 

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Film-Credits
Mexiko 2013
Produzent:
Geminiano Pineda
Regie:
Claude Sainte-Luce
Drehbuch:
Claude Sainte-Luce
Kamera:
Agnès Godard
Schnitt:
Santiago Ricci
Musik:
Madame Recamier
Darsteller:
Ximena Ayala (Claudia), Lisa Owen (Martha), Sonia Franco (Ale), Wendy Guillén (Wendy), Andrea Baeza (Mariana), Alejandro Ramírez Munoz (Armando)
Format:
DCP 89 Min.
Verleih:
Arsenal Filmverleih GmbH
Hintere Grabenstr. 20, Tübingen Tel.:+49 07071 9296-0, Fax: +49 07071 9296-11, info@arsenalfilm.de, www.arsenalfilm.de
Preise:
Preis der Jugendjury, Locarno 2013
Kinostart:
10. Juli 2014
Djeca - Kinder von Sarajevo
Regie: Aida Begić
Drehbuch: Aida Begić
Bosnien-Herzegowina 2012

Die 23jährige Rahima lebt mit ihrem zehn Jahre jüngeren Bruder Nedim in einer heruntergekommenen Mietwohnung. Ihre Eltern wurden im Bosnienkrieg getötet, beide sind in einem Waisenhaus aufgewachsen. Die Kriegserlebnisse haben bei ihnen tiefe seelische Verletzungen hinterlassen. Rahima hat sich nach rebellischen Teenagerjahren dem Islam zugewandt und arbeitet als Köchin in einem Restaurant. Sie trägt ihr Kopftuch wie einen Schutz gegen eine aggressive Umwelt. Vor allem aber sorgt sie sich um ihren Bruder. Nedim gerät in seiner Schule in Konflikte mit den Kindern der neuen Elite. Es droht der Verweis von der Schule. Das Leben in dieser Nachkriegsgesellschaft mit ihren neuen Reichen, der steigenden Verarmung großer Teile der Bevölkerung und den Zerstörungen der Vergangenheit ist kaum noch zu bewältigen. Vielleicht kann Rahima sich selbst so wenig helfen wie ihrem Bruder. Doch schließlich erkennen die Geschwister, dass sie aufeinander angewiesen sind.

Wie sich traumatische Erfahrungen des Krieges auf den Einzelnen wie auch auf die Gesellschaft auswirken, zeigt der Film auf eindrucksvolle Weise. Der Verlust der Eltern hat Vertrauen grundlegend zerstört, so dass alle gegenwärtigen Beziehungen im Schatten düsterer Erinnerungen stehen. Eine hochbewegliche Kameraführung macht die innere Unruhe sichtbar, die das Leben bestimmt. Korruption, mafiaähnliche Strukturen, rechtliche und wirtschaftliche Unsicherheit erzeugen ein Klima andauernder Bedrohung. Der Alltag wird zum Kampf um die eigene Würde und um die Anerkennung der erlittenen Verletzungen durch die anderen – gegen Unterdrückung und Aggression, gegen sexuelle, religiöse oder ethnische Diskriminierung, gegen Zynismus, Misstrauen und Gleichgültigkeit, die die Gegenwart prägen. Die kleinen Schritte aufeinander zu sind es, die in diesem Film Hoffnung jenseits der Traumatisierung machen.

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Trailer:
Film-Credits
Bosnien-Herzegowina 2012
Produzent:
Aida Begić - Film House Sarajevo
Regie:
Aida Begić
Drehbuch:
Aida Begić
Kamera:
Erol Subčević
Schnitt:
Miralem Subčević
Darsteller:
Marija Pikic (Rahima), Ismir Gagula (Nedim), Nikola Duricko (Tarik), Stasa Dukic (Selma), Velibor Topic (Melic)
Format:
DCP 90 Min.
Verleih:
barnsteiner-film
Dorfstr. 15, 24361 Klein Wittensee, Tel.: 04356 996568-0, Fax: 04356 996568-2, dispo@barnsteiner-film.de, www.barnsteiner-film.de
Kinostart:
7. November 2013
Stein der Geduld
Regie: Atiq Rahimi
Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Atiq Rahimi
Frankreich, Deutschland, Afghanistan 2012

Eine Stadt in Afghanistan. Mit geöffneten Augen, aber unfähig zu sprechen und sich zu bewegen, liegt ein Mann in einem Haus. Seine junge Frau pflegt ihn. Sie ist verzweifelt, um sie herum tobt der Krieg, bei dem man kaum mehr versteht, wer gegen wen kämpft. Sie spricht mit ihrem Mann. Als die Kämpfe im Viertel eskalieren, bringt sie ihre Kinder in Sicherheit, in ein Bordell, in dem die Tante arbeitet. Sie kehrt zu ihrem Mann zurück, kümmert sich um ihn und spricht weiter. Mit einem jungen stotternden Krieger, der sie im Haus entdeckt, beginnt sie eine erotische Beziehung – und spricht weiter mit ihrem Mann.

Der leblose Körper wird zu einem „seng-e-sabur“, einem Stein der Geduld, dem die Afghanen ihr Leid anvertrauen. „In einer Gesellschaft wie dieser kann die Frau nur sprechen, wenn Ihr Mann stumm ist“, sagt die Schauspielerin Golshifteh Farahani, die mit ihrer beeindruckenden Leistung den Film trägt. Bezeichnenderweise wird ein Stotterer der Liebhaber der Protagonistin. Mit ihm erkundet sie eine neugierige, selbstbestimmte Erotik. „Es ist ein Film über das Sprechen, aber über das Sprechen als Handlung“ sagt Regisseur Atiq Rahimi. Die gleichsam theaterhafte Szenerie eröffnet den Raum für Spekulationen: was würde geschehen, wenn Frauen gehört würden, wenn Männer in Afghanistan auf Augenhöhe und offen miteinander sprechen könnten? Wie sehr die Fragen nach dem eigenen Körper, der Liebe und der Beziehung politische Fragen sind wird in „Stein der Geduld“ greifbar. Die selbstbewusste Tante bringt es auf den Punkt: „Männer, die nicht lieben können, ziehen in den Krieg“.

Rahimi hat mit „Stein der Geduld“ seinen eigenen, vielfach ausgezeichneten Roman verfilmt. Ihm gelingt eine eindrückliche, formal souveräne Studie über die Situation der Frauen in einem zerrissenen Land. Der Film ist ein beeindruckendes Kammerspiel, subtil visualisiert, eine überzeugende, dramatische Parabel über die politische Bedeutsamkeit einer individuellen Emanzipation.

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Film-Credits
Frankreich, Deutschland, Afghanistan 2012
Produzent:
The Film/Razor Film
Regie:
Atiq Rahimi
Drehbuch:
Jean-Claude Carrière, Atiq Rahimi
Kamera:
Thierry Arbogast
Schnitt:
Hervé de Luz
Musik:
Max Richter
Darsteller:
Golshifteh Farahani (Frau), Hassina Burgan (Tante), Massi Mrowat (Soldat), Hamidreza Djardan (Mann)
Verleih:
Rapid Eye Movies - REM
Aachener Str. 26, Köln Tel.:+49 0221 569 579-0, Fax: +49 0221 569 579-99, info@rapideyemovies.de, http://www.rapideyemovies.de/
Kinostart:
10. Oktober 2013
Das Mädchen Wadjda (Wadjda)
Regie: Haifaa Al Mansour
Drehbuch: Haifaa Al Mansour
Saudi-Arabien, Deutschland 2012

Ihr Kopftuch flattert munter im Wind. Zu munter, findet die Rektorin. Wadjda  soll am nächsten Tag ordentlich verschleiert zur Schule kommen. Die Zehnjährige, die mit Vater und Mutter in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad wohnt, ist ein bisschen auffällig. Unter ihrem schwarzen Gewand blitzen lilafarbene „Converse“-Turnschuhe hervor, sie stellt viele Fragen und hat einen enormen Bewegungsdrang. Aber der wird beständig ausgebremst. Unter dem Regime der Wahhabiten, die den Islam extrem streng auslegen, führen Frauen ein Leben zweiter Klasse: möglichst unsichtbar in der Öffentlichkeit, beschränkt in der Berufswahl, beständig kontrolliert von Vätern, Ehemännern – und sogar von anderen Frauen. Das poppige Fahrrad, das Wadjda in einem Spielzeugladen gesehen hat, wird zum Versprechen auf eine bessere Zukunft. Um das Geld dafür zu erwirtschaften, nimmt das Mädchen an einem Schulwettbewerb teil, für den sie die Verse des Korans auswendig lernen muss.

Kinos gibt es in Saudi-Arabien seit den siebziger Jahren nicht mehr, Filme werden kaum produziert. Haifaa Al Mansour ist die erste Regisseurin, die einen Spielfilm im Land drehen konnte. Was nicht ganz einfach war: Trotz offizieller Unterstützung durfte sie sich bei der Arbeit auf der Straße nicht von der Religionspolizei erwischen lassen. Umso erstaunlicher ist es, wie präzise Al Mansour das Leben der Frauen in Riad nachzeichnet. Wie im Vorbeigehen entwirft sie einprägsame Porträts: Da ist Wadjdas Mutter, deren Schönheit und Sanftheit den Vater nicht daran hindern, eine zweite Frau zu nehmen. Da ist die Schulleiterin, die Highheels trägt und möglicherweise einen Liebhaber hat, ihre Mädchen aber zum Konformismus anhält. Und natürlich ist da die umtriebige jugendliche Heldin, die inmitten eines mittelalterlichen Systems den Aufbruch in die Moderne versucht: Praktisch im Alleingang zieht „Das Mädchen Wadjda“ den Schleier von einem Land, über das wir im Westen immer noch viel zu wenig wissen.

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Film-Credits
Saudi-Arabien, Deutschland 2012
Produzent:
Razor Film, Roman Paul, Gerhard Meixner
Regie:
Haifaa Al Mansour
Drehbuch:
Haifaa Al Mansour
Kamera:
Lutz Reitemeier
Schnitt:
Andreas Wodraschke
Musik:
Max Richter
Darsteller:
Reem Abdullah (Mutter), Waad Mohammed (Wadjda), Abdullrahman Al Gohani (Abdullah), Direktorin Hussa (Ahd), Sultan Al Assaf (Vater) u.a.
Format:
Farbe, Digital 97 Min.
Verleih:
Koch Media GmbH
Lochhamer Straße 9, Planegg/München Tel.: 089 2424 5174, Fax: 089 2424 53 174, v.falcenberg@kochmedia.com, http://www.kochmedia-film.de/home/
Preise:
INTERFILM-Preis und Cinema Avenire Award, Venedig 2012, Netpac Award, Tallinn 2012, Bester Film, Beste Schauspielerin, Dubai 2012; Fritz-Gerlich-Preis, München 2013
Kinostart:
5. September 2013
Frances Ha
Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Greta Gerwig, Noah Baumbach
USA 2012

Sie ist Mitte/Ende Zwanzig, lebt in Brooklyn und will Tänzerin werden. Doch für Frances ist der schwierigste Tanz, ihren Ort in der Metropole New York City zu finden. Sie zieht von Apartment zu Apartment und wechselt dabei die Liebhaber. Zwischen dem Verlangen nach individueller Freiheit und sozialer Sicherheit bewegt sich Frances hin und her. Ihre Laufbahn als Tänzerin erscheint nicht sehr aussichtsreich. Zugleich muss sie sich um einen Job für den täglichen Lebensunterhalt bemühen. Dann begegnet sie Benji und alles könnte sich ändern. Aber ist er der ersehnte Partner, mit dem sie zusammen leben möchte? Am liebsten ist ihr die Gemeinschaft mit ihrer alten Freundin Sophie, auch wenn diese für einige Zeit mit ihrem Verlobten nach Tokyo geht. Denn sie teilen die gleiche Wortgewandtheit, Ironie und Offenheit gegenüber dem Ungewissen, Neuen und Überraschenden. Doch diese Freiheit hat auch ihren Preis.

In pointierten schwarz-weißen Momentaufnahmen fängt der Film das Lebensgefühl einer ganzen Generation ein, die urban und unideologisch, neugierig und unterbeschäftigt ist. Existentielle und materielle Probleme werden mit einer gewitzten Coolness abgefangen; die Dramen spielen sich eher im Kopf des Publikums als unter den Hauptpersonen selbst ab. Sehr genau, aber auch mit viel Liebe für weitgespannte Interessen und instabile Situationen porträtiert die Kamera die Hauptfigur Frances, die stets fragmentarisch, unvollkommen und mit vielen unbeantworteten Fragen beschäftigt dargestellt wird. Doch gerade in dieser Offenheit ist sie zutiefst menschlich und liebenswert. Es sind die Umwege und Krisen, die sie zu der Erkenntnis führen, niemals mit sich und ihrer Welt fertig zu sein. Freiheit wird hier zur Frage einer Lebensführung, die sich andauernd zwischen Aufbruch und Geborgenheit entscheiden muss. Der Film stellt dabei die Frage nach Orientierung im Labyrinth der urbanen Identitäts- und Beziehungsangebote.

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Film-Credits
USA 2012
Produzent:
Pine District Pictures, RT Features, Scott Rudin Productions
Regie:
Noah Baumbach
Drehbuch:
Greta Gerwig, Noah Baumbach
Kamera:
Sam Levy
Schnitt:
Jennifer Lame
Musik:
George Drakoulias
Darsteller:
Greta Gerwig (Frances), Mickey Sumner (Sophie), Michael Esper (Dan), Adam Driver (Lev) u.a.
Format:
DCP, s/w 86 Min.
Verleih:
MFA+ Filmdistribution e.K.
Bismarckplatz 9, Regensburg Tel.:+49 0941 586 24 62, Fax: +49 0941 586 17 92, info@mfa-film.de, www.mfa-film.de
Kinostart:
1. August 2013
Promised Land
Regie: Gus van Sant
Drehbuch: John Krasinski, Matt Damon
USA, Vereinigte Arabische Emirate 2012

Die Kleinstadt McKinley irgendwo im amerikanischen Hinterland hat die besten Jahre hinter sich. Die Aussichten auf Bildung und Jobs für die Bewohner sind schlecht. Aber es gibt Hoffnung. Der Energiekonzern „Global Crosspower Solutions“ hat Erdgasvorkommen entdeckt. Durch „Fracking“ soll das Gas gewonnen werden, bei dem neben der Tiefenbohrung auch hochgiftige chemische Mittel eingesetzt werden. Der künftige Manager Steve soll mit seiner Kollegin Sue die Bewohner davon überzeugen, dass sie der Firma ihr Land verpachten – nicht zuletzt durch verlockende finanzielle Angebote. Er stammt selbst aus einer ländlich geprägten Welt und fühlt sich fast wie zu Hause; auch die Lehrerin der Schule, Alice, zieht ihn an. Doch einige Bewohner wie der ehemalige Ingenieur Frank stellen kritische Fragen nach der ökologischen Verträglichkeit des Fracking. Als der Umweltaktivist Dustin die Bevölkerung über gravierende Umweltschäden bei dieser Methode der Energiegewinnung informiert, wachsen die Widerstände.

Der Konflikt zwischen ökonomischem Kalkül und ökologischen Notwendigkeiten hat nun auch das ländliche Amerika erreicht. Auf lokaler Ebene müssen Entscheidungen getroffen werden, die von den Einzelnen Sachkompetenz und Urteilsvermögen verlangen. Der Film, der an die amerikanische Tradition kommunaler Selbstverwaltung appelliert, ist ein Plädoyer für ein hohes Maß an Bürgerbeteiligung – und ein Mißtrauensvotum gegen die Strategien globaler Konzerne, die sich über die natürlichen Lebensgrundlagen hinwegsetzen. Das Spiel um den höchsten Profit kann auch auf Kosten der örtlichen Gemeinschaft gehen. Die Stimmung einer solchen Kommune angesichts der ökologischen und ökonomischen Herausforderungen fängt der Film in detailgenauer Beobachtung ein. Soziale Nähe, Zukunftsängste, Korruption und die Manipulation der öffentlichen Meinung stellen den Einzelnen wie die Kleinstadt vor eine Zerreißprobe. Die Frage, was im „gelobten Land“ die Menschen verbindet und zusammenhält, sucht nach einer Antwort.

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DVD:
Trailer:
Film-Credits
USA, Vereinigte Arabische Emirate 2012
Produzent:
John Krasinski, Matt Damon, Chris Moore
Regie:
Gus van Sant
Drehbuch:
John Krasinski, Matt Damon
Kamera:
Linus Sandgren
Schnitt:
Billy Rich
Musik:
Danny Elfman
Darsteller:
Matt Damon (Steve Butler), John Krasinski (Dustin Noble), Frances McDormand (Sue Thomason), Rosemarie DeWitt (Alice) u.a.
Verleih:
Universal Pictures International Germany GmbH
Postfach 710848, 60498 Frankfurt/Main, Tel.:+49 069 222 821 0, Fax: +49 069 666 65 09, info@universal-pictures-international-germany.de, http://www.universal-pictures.de/
Kinostart:
13. Juni 2013

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