In den Gängen
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber
Deutschland 2018

Der wortkarge, aber umgängliche Christian (Franz Rogowski) nimmt eine neue Arbeit auf: in einem Großmarkt wird er in der Getränkeabteilung eingeteilt. Bruno (Peter Kurth), den die anderen „Häuptling“ nennen, nimmt sich seiner an, wie ein väterlicher Freund. Christian lernt die Mechanik des Gabelstaplers kennen, und Bruno zeigt ihm geduldig, wie man vom obersten Regal Getränkekästen aufnimmt und schadlos transportiert und wie man die Regale befüllt. Der Großmarkt und seine Angestellten, das ist der Kosmos, der nun Christians Lebenswelt ausmacht. In den Gängen des Großmarkts trifft er auf Marion (Sandra Hüller), die für die Süßwarenabteilung zuständig ist. „Frischling“ nennt sie ihn, und lässt sich gern von Christian zu einem Kaffee aus dem Automaten einladen. Zwischen beiden entwickeln sich zarte Bande. Er solle gut mit ihr umgehen, rät Bruno, denn Marion leidet unter ihrem Ehemann. Wenn Christian abends Feierabend hat und auf den Bus wartet, der ihn nach Hause bringt, ist es bereits dunkel. An Weihnachten wartet er darauf, dass die Feiertage vorbeigehen, damit er wieder in seinen Arbeitsalltag kann. Als Marion für längere Zeit krankgeschrieben wird und nicht mehr zur Arbeit kommt, droht dies den genügsamen Christian aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Mit In den Gängen ist das Soziale auf höchst zeitgemäße Weise ins deutsche Kino zurückgekehrt. Der Film von Thomas Stuber, der auf einer Kurzgeschichte aus dem Band „Die Nacht, die Lichter“ von Clemens Meyer beruht, schildert die Lebenswirklichkeit von Menschen, die selten öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Mit sorgfältigen und feinen Federstrichen, die ebenso poetisch wirken wie sie nüchtern sind, zeigt der Film die sozialen Beziehungen zwischen Menschen in ihrer Arbeitswelt und macht dabei auch die Auswirkungen der Transformation in Ostdeutschland sichtbar. Ein lakonischer Film, der seine Protagonisten und deren routinemäßigen Arbeitsalltag so aufmerksam und bei aller Ernsthaftigkeit mit einem Funken Humor schildert, dass man inspiriert wird, genauer hinzuschauen.

Film-Credits
Deutschland 2018
Produzent:
Jochen Laube, Fabian Maubach
Regie:
Thomas Stuber
Drehbuch:
Clemens Meyer, Thomas Stuber
Kamera:
Peter Matjasko
Schnitt:
Kaya Inan
Darsteller:
Franz Rogowski (Christian), Sandra Hüller (Marion), Peter Kurth (Bruno) u.a.
Format:
DCP, Farbe 125 Min.
Verleih:
Zorro Film GmbH
Astallerstr. 23, 80339 München, Tel.:+49 89 452 352 923, Fax: +49 89 452 352 911, info@zorrofilm.de, www.zorrofilm.de
Preise:
Deutscher Drehbuchpreis 2015: Auszeichnung für Thomas Stuber und Clemens Meyer Auszeichnung als Bester Film im Wettbewerb der Berlinale mit dem Gilde-Filmpreis (Thomas Stuber) Auszeichnung mit dem Preis der Ökumenischen Jury (Thomas Stuber) Deutscher Filmpreis 2018: Auszeichnung für die Beste männliche Hauptrolle (Franz Rogowski)
Kinostart:
24. Mai 2018
Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
USA
Ebbing ist ein fiktiver kleiner Ort. Aber er liegt in Missouri, ebenso wie Ferguson, die Stadt, die immer wieder in die Schlagzeilen gerät.
Mildred Hayes mietet drei großformatige Werbeschilder an einer wenig befahrenen Landstraße. Irgendetwas in ihrem harten und bitteren Gesicht verrät schon zu Beginn, dass sie nicht auf Reklame für den Souvenirladen aus ist, in dem sie arbeitet. Vor sieben Monaten wurde ihre Tochter brutal ermordet. Die Ermittlungen sind ergebnislos geblieben. Mildred versucht mit ihrer Botschaft, die sie auf den drei Schildern anbringen lässt, die örtliche Polizei zur Arbeit zu zwingen. Was auch den Plot für einen Standard-Rache-Thriller hergegeben hätte, geht gänzlich eigene Wege. 
Die Geschichte der drei Werbeschilder verbindet Mildred  mit dem pragmatischen Polizeichef Willoughby und dem lupenreinen angry white male Polizist Dixon. In starken Dialogen greift der Film Themen wie Polizeigewalt, Rassismus und rape culture auf. Aber ohne zu moralisieren. So wird der Polizeichef damit konfrontiert, dass die meisten seiner Mitarbeiter Rassisten sind. Seine Antwort: „Wenn alle rassistischen Polizisten die Polizei verlassen würden, dann wären nur noch drei übrig. Und die wären alle Schwulenhasser.“    
Der irische Regisseur und Dramatiker Martin McDonagh entwirft mit solchen Sätzen ein Bild der amerikanischen Kleinstadt, das hart ist und über das man doch immer wieder lachen muss. Die folgerichtige Entwicklung von Mildred und die weiter eskalierende Spirale von Gewalt und Gegengewalt erzeugen einen enormen Sog, dem man sich über die gesamte Laufzeit nicht entziehen kann. Von der grandiosen Einführung der Billboard-Botschaft in leuchtendem Orange bis zu den drei unterschiedlichen Familienentwürfen der Figuren bietet Three Billboards Outside Ebbing, Missouri gelungene und nachdenklich stimmende Unterhaltung. Und am Ende lässt sich diskutieren, was am Ziel dieser schwarzhumorig-düsteren Reise auf die Figuren wartet.
 
Film-Credits
USA
Produzent:
Graham Broadbent, Peter Czernin, Martin McDonagh
Regie:
Martin McDonagh
Drehbuch:
Martin McDonagh
Kamera:
Ben Davis
Schnitt:
John Gregory
Musik:
Carter Burwell
Darsteller:
Frances McDormand (Mildred Hayes), Woody Harrelson (Polizeichef Willoughby), Sam Rockwel (Officer Dixon)l, Peter Dinklage (James) u.a.
Format:
DCP, Farbe 115 Min.
Verleih:
Fox - Twentieth Century Fox of Germany GmbH
Darmstädter Str. 114, 60598 Frankfurt am Main, Tel.:+49 069 60 90 20, Fax: +49 069 60 90 21 02, http://www.fox.de
Kinostart:
25. Januar 2018
Capernaum - Stadt der Hoffnung (Capharnaüm)
Regie: Nadine Labaki
Drehbuch: Nadine Labaki, Jihad Hojaily, Michelle Keserwany
Libanon 2018

Zain lebt mit seiner Familie in einem  Slum von Beirut. Eigentlich existiert er gar nicht: Er weiß nicht genau, wann er geboren wurde, hat keine Papiere und geht nicht zur Schule, sondern erledigt kleine Jobs. Seine Eltern sind bitterarm; sie halten sich und die Kinder über Wasser, indem sie Drogen ins Gefängnis schmuggeln. Als sie Zains elfjährige Schwester an einen sehr viel älteren Kleinhändler verheiraten – für ein paar Hühner – reißt der verzweifelte Junge aus. Auf einem Jahrmarkt lernt er die Äthiopierin Rahil kennen. Sie hat keinen legalen Aufenthaltsstatus im Libanon und ist allein mit ihrem Baby. Obwohl sie genug eigene Probleme hat, nimmt sie Zain in ihrer winzigen provisorischen Unterkunft auf. Während Rahil ihrer Arbeit als Putzkraft nachgeht, passt Zain auf den Kleinen auf. Von Rahil erfährt er zum ersten Mal so etwas wie Zuwendung. Und dann verschwindet die junge Frau.

Nadine Labakis mehrfach ausgezeichneter Film „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ wäre als Sozialdrama unzureichend beschrieben. Schon die Rahmenhandlung, in der Zain vor Gericht Klage gegen seine Eltern führt – sie sollen keine Kinder mehr in die Welt setzen dürfen, weil sie sich nicht um die kümmern, die sie haben – gibt „Capernaum“ etwas Exemplarisches und Parabelhaftes. Die Geschichte selbst entfaltet sich als ein Crescendo des Elends, erschütternd und erschreckend in ihrer Ausweglosigkeit. Zain ist einfallsreich und zäh, ein kleiner Überlebenskünstler. Aber er hat keine Chance, wenn die Not so groß ist, dass selbst ein Kinderleben in Naturalien berechnet wird.

Auf den Spuren des jugendlichen Protagonisten kriecht die bewegliche Kamera in alle Winkel der Stadt, durch staubige Straßen, enge Behausungen und überfüllte Gefängnisse, über hektische Märkte und heruntergekommene Rummelplätze. So entsteht das Bild einer überforderten Gesellschaft, das Porträt eines Landes, das im Kreuzfeuer der internationalen Politik buchstäblich aufgerieben wird.

Trailer:
Webtrailer
https://www.youtube.com/watch?v=l_xRr68FqYM
Film-Credits
Libanon 2018
Produzent:
Michel Merkt, Khaled Mouzanar
Regie:
Nadine Labaki
Drehbuch:
Nadine Labaki, Jihad Hojaily, Michelle Keserwany
Kamera:
Christopher Aoun
Schnitt:
Konstantin Bock
Musik:
Khaled Mouzanar
Darsteller:
Zain Al Rafeea (Zain), Yordanos Shiferaw (Rahil), Boluwatife Treasure Bankole (Yonas)
Format:
DCP 121 min
Verleih:
Alamode Film
Nymphenburger Str. 36, München Tel.:+49 089 179992-11, Fax: +49 089 179992-13, info@alamodefilm.de, http://www.alamodefilm.de
Preise:
Cannes 2018: Preis der Jury und der Ökumenischen Jury; Nominierung für den Oscar 2019 als bester nicht-englischsprachiger Film
Kinostart:
17.01.2019
Shoplifters - Familienbande (Shoplifters)
Regie: Hirokazu Kore-eda
Drehbuch: Hirokazu Kore-eda
Japan 2018

Irgendwo am Rande von Tokio, da, wo die Häuser winzig und zerbrechlich sind, wohnt die Familie Shibata. Die Mutter arbeitet in einer Wäscherei, ihre Schwester in einem Stripclub, Großmutter hat eine kleine Rente. Vater Osamu und der Sohn Shota stocken das Einkommen durch Shoplifting, Ladendiebstahl, auf. Bei einem ihrer Streifzüge bemerken die beiden auf einem Balkon in einem Hinterhof ein frierendes, trauriges Mädchen.  In einer fürsorglichen Aufwallung nehmen sie die Kleine mit nach Hause – zunächst nur, um ihr ein warmes Essen zu spendieren. Doch bald fällt auf, dass Yuri misshandelt wurde, und obwohl die Shibatas annehmen müssen, dass nach ihr gesucht wird, bringen sie es nicht übers Herz, sie zurückzubringen. Aus einer Mahlzeit werden viele. Yuri wächst allmählich in ein neues Leben hinein – ein Leben, das trotz Armut, trotz innerer Konflikte und äußerem Druck glücklich zu sein scheint.

Die Familie in ihrem historischen Wandel ist immer eines der großen Themen des japanischen Kinos gewesen, und der renommierte Autorenfilmer Hirokazu Kore-eda setzt diese Tradition eindrucksvoll fort. In „Shoplifters“, der in Cannes die Goldene Palme gewann, entwirft er, an der Grenze des klassischen Sozialrealismus, ein besonders komplexes, für den Zuschauer bis fast zum Ende geheimnisvolles Beziehungs-Patchwork. Was hier Familie konstituiert, sind nicht die biologischen Verhältnisse, die „Blutsbande“. Es muss aber etwas sehr Haltbares sein, denn die prekäre soziale Situation, der tägliche Stress bei der Beschaffung des Notwendigsten – Instantsuppen, Reisknödel, ein paar Orangen - zwingen die Shibatas nicht in die Knie. Im Gegenteil: Die Beziehungen, die Erwachsene und Kinder miteinander und untereinander knüpfen, wachsen im Verlauf der Geschichte. Sie gründen sich auf freiwillige Bindung, auf Empathie und Solidarität. Und so entfaltet sich ein utopisches Moment, eine faszinierend umfassende Vorstellung von „Verwandtschaft“: In ihrer Offenheit kann die Familie in „Shoplifters“ zu einem Vorbild für Gesellschaft werden.

Webtrailer
https://www.youtube.com/watch?v=Rwcb5ki1f-4
Film-Credits
Japan 2018
Produzent:
Matsuzaki Kaoru, Yose Akihiko, Taguchi Hijiri
Regie:
Hirokazu Kore-eda
Drehbuch:
Hirokazu Kore-eda
Kamera:
Kondo Ryuto
Schnitt:
Hirokazu Kore-eda
Musik:
Haruomi Hosono
Darsteller:
Lily Franky (Osamu Shibata), Sakura Ando (Nobuyo Shibata), Mayu Matsuoka (Aki Shibata), Sosuke Ikematsu (4 ban-san)
Format:
DCP 121 min
Verleih:
Wild Bunch Germany GmbH
Holzstraße 30, 80469 München, Tel.: +49 89 444 55 66 44, Fax: +49 89 444 55 66 59, office@wildbunch-germany.de, http://www.wildbunch-germany.de/
Preise:
2018: Internationale Filmfestspiele von Cannes – Goldene Palme 2018: Filmfest München – ARRI/Osram Award
Kinostart:
27.12.2018
Die Erbinnen (Las herederas)
Regie: Marcelo Martinessi
Drehbuch: Marcelo Martinessi
Paraguay, Deutschland, Uruguay, Norwegen, Brasilien, Frankreich 2018

Chela und Chiquita leben im paraguyanischen Asunción und sind seit Jahrzehnten ein Paar – eine Tatsache, die sie immer noch vor ihren Freundinnen zu verbergen suchen. Die beiden kommen aus der Oberschicht, gearbeitet haben sie nie. Wohlhabend sind sie allerdings nicht – gerade verkaufen sie das Inventar der alten Familienvilla, Stücke, an denen vor allem für Chela Erinnerungen haften. Die Beziehung der Frauen folgt einem klassischen Muster. Chiquita ist dominant,  gibt sich taff und weiß stets, was zu tun ist. Chela dagegen kämpft mit einer Depression: Sie findet morgens kaum aus dem Bett und verbringt die Tage eher meditierend als malend vor einer kleinen Staffelei. Als die schwer verschuldete Chiquita in Untersuchungshaft muss, kommt Bewegung in die erstarrte Partnerschaft. Obwohl sie keinen Führerschein hat, lässt Chela sich überreden, ihre Freundinnen gegen Geld durch die Stadt zu kutschieren. Allmählich gewinnt sie an Selbstvertrauen. Und damit erwacht auch etwas anderes wieder: erotisches Begehren.

Im letzten Jahr, mit Filmen wie „Call Me By Your Name“ oder der Studioproduktion „Love, Simon“, hat der homosexuelle Mann im Kino-Mainstream Anker geworfen. Lesben, schon gar, wenn sie aufs Rentenalter zugehen, sind im Publikumsfilm nach wie vor kaum sichtbar. „Die Erbinnen“, geschrieben und inszeniert von Marcelo Martinessi, annonciert sein „ungewöhnliches“ Sujet allerdings nicht. Eher hintergründig, nah an den Gesichtern und Körpern der großartigen Hauptdarstellerinnen entfaltet der Film die Beziehung zweier Frauen, die nicht nur von altem Mobiliar umgeben, sondern in jeder Hinsicht in ererbten Strukturen gefangen sind - in sexuellen und sozialen Konventionen, in ökonomischen Zwängen. Und Männer müssen in Martinessis Film gar nicht anwesend sein, um Druck auf das Netzwerk auszuüben, das Bekannte, Verwandte und Freundinnen im Hintergrund der Haupthandlung spinnen. Sozialpsychologisch genau und empathisch im Detail ist „Die Erbinnen“ das geglückte Beispiel eines modernen, realistischen Frauenfilms.

Webtrailer
https://www.youtube.com/watch?v=pLPpmCnOz7I
Film-Credits
Paraguay, Deutschland, Uruguay, Norwegen, Brasilien, Frankreich 2018
Produzent:
Sebastián Peña Escobar, Marcelo Martinessi
Regie:
Marcelo Martinessi
Drehbuch:
Marcelo Martinessi
Kamera:
Luis Armando Arteaga
Schnitt:
Fernando Epstein
Darsteller:
Ana Brun (Chela), Margarita Irún (Chiquita), Ana Ivanova (Angy), Nilda Gonzalez (Pati)
Verleih:
Grandfilm
Muggenhofer Str. 132d, Bau 74, 90429 Nürnberg, Tel.:+49 0911 810 96 671, verleih@grandfilm.de, www.grandfilm.de
Preise:
2018: Internationale Filmfestspiele Berlin – Alfred-Bauer-Preis (Marcelo Martinessi), Silberner Bär (Beste Darstellerin – Ana Brun), FIPRESCI-Preis und Preis der Teddy-Leserjury des Mannschaft-Magazins 2018: Cartagena Film Festival – Beste Regie, FIPRESCI-Preis 2018: Filmfestival von Gramado – Bester lateinamerikanischer Film, Beste lateinamerikanische Regie, Beste lateinamerikanische Darstellerinnen (Ana Brun, Margarita Irún, Ana Ivanova), Bestes lateinamerikanisches Drehbuch, Publikumspreis – Bester lateinamerikanischer Film 2018: Jeonju Film Festival – Bester Film 2018: Lima Latin American Film Festival – Beste Darstellerin (Ana Brun) 2018: San Sebastián International Film Festival – Bester lateinamerikanischer Film 2018: Santiago International Film Festival – Beste Regie 2018: Seattle International Film Festival – Lobende Erwähnung (Marcelo Martinessi) 2018: Sydney Film Festival – Bester Film 2018: Transilvania International Film Festival – Bester Film 2018: World Cinema Amsterdam – Bester Film
Styx (Styx)
Regie: Wolfgang Fischer
Drehbuch: Wolfgang Fischer, Ika Künzel
Deutschland, Österreich 2018

Rike ist Anfang vierzig und arbeitet als Notärztin in Köln - ein harter Job. Ihr Urlaubsplan verspricht auch nicht gerade Entspannung pur: Sie will von Gibraltar nach Ascension segeln, eine Insel im Südatlantik, auf der Charles Darwin ein legendäres Bepflanzungsprojekt initiiert hat. Tausende von Kilometern auf dem rauen Meer, allein in einer Zwölf-Meter-Yacht? Rike glaubt zu wissen, was sie sich zumuten kann: Sie ist fit, eine gewiefte Seglerin, und sie hat sich umsichtig ausgerüstet. Selbst als sie vor der afrikanischen Küste in einen schweren Sturm gerät, sitzt bei ihr jeder Handgriff. Doch dann entdeckt sie einen havarierten Kutter, auf dem mehr als hundert geschwächte Flüchtende um ihr Leben flehen; einige springen ins Wasser, als sie die Yacht erblicken. Die Küstenwache weist Rike an, sich zurückzuziehen. Aber als Ärztin kann und will sie nicht wegsehen. Ohnehin hat einer der Flüchtenden, ein Junge, bereits ihr Schiff erreicht.

Abenteuerfilm, Thriller, Dokudrama? Wolfgang Fischers "Styx" hat von allem etwas. Schließlich treffen in seinem Szenario höchst unterschiedliche Sphären aufeinander. Die Protagonistin (Susanne Wolff) ist verantwortungsvoll und wirkt sympathisch in ihrem Drang zu helfen. Doch sie repräsentiert ein saturiertes Europa, dessen Bürger selbst bestimmen können, welchen Lebensrisiken sie sich aussetzen: Ihre "Abenteuer" sind allemal abgesichert. Die Menschen auf dem sinkenden Boot haben keine Wahl. Auf der Flucht vor Armut und Zwang liefern sie sich nicht nur den Elementen aus, sondern vor allem der Politik, denen, die darüber entscheiden, wem wann geholfen wird. Angesichts der inhumanen Tendenzen unserer Migrationsdebatte und der beständig steigenden Zahl der Opfer im Mittelmeer gewinnt der auf der diesjährigen Berlinale vorgestellte Film eine furchtbare Dringlichkeit. Seine Stärke liegt darin, wie er das Thema kammerspielartig in einer Extremsituation verdichtet und zugleich den Blick weitet: auf die grundlegende Ungleichheit im Verhältnis von Nord und Süd. In Ascension hätte Rike nicht nur Darwins blühendes Biotop gefunden, sondern auch englische und amerikanische Militärbasen.

Film-Credits
Deutschland, Österreich 2018
Produzent:
Marcos Kantis, Martin Lehwald, Michal Pokorny, Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Bady Minck
Regie:
Wolfgang Fischer
Drehbuch:
Wolfgang Fischer, Ika Künzel
Kamera:
Benedict Neuenfels
Schnitt:
Monika Willi
Musik:
Dirk von Lotzow
Darsteller:
Susanne Wolff (Rike), Gedion Oduor Wekesa (Kingsley)
Format:
DCP 94 Minuten
Verleih:
Zorro Film GmbH
Astallerstr. 23, 80339 München, Tel.:+49 89 452 352 923, Fax: +49 89 452 352 911, info@zorrofilm.de, www.zorrofilm.de
Preise:
2018: Berlinale 2018 Preis der Ökumenischen Jury – Preisträger Panorama Label Europa Cinemas 2. Platz Panorama Publikumspreis Heiner-Carow-Preis der DEFA-Stiftung 2018: Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern Hauptpreis Fliegender Ochse Publikumspreis Preis für die beste Musik und Tongestaltung an Uwe Dresch und Andre Zimmermann (Sounddesign) und Tobias Fleig (Kinomischung) 2018: Internationales Filmfest Emden-Norderney Nominierung für den DGB-Filmpreis Creative Energy Award für Susanne Wolff und Benedict Neuenfels Schreibtisch am Meer (Kurzstipendium auf der Insel Norderney) für Wolfgang Fischer[17] 2018: Valletta Film Festival Best Performance (Susanne Wolff) Best Cinematographer 2018: Finalist für den LUX-Filmpreis des Europäischen Parlaments[19] 2018: Festival des deutschen Films Besondere Auszeichnung der Jury
Kinostart:
13.09.2018
Die defekte Katze (Die defekte Katze)
Regie: Susan Gordanshekan
Drehbuch: Susan Gordanshekan
Deutschland 2018

Wie führt man eine Ehe, wenn man sich kaum kennt? Mina und Kian sind nicht aus Liebe zusammengekommen, sondern weil sie beide heiraten wollten. Nachdem Tinder und andere Wege nicht funktionierten, haben sie sich auf eine arrangierte Ehe eingelassen. Mina ist Elektrotechnikerin und lebte bisher im Iran, Kian ist Arzt und als Sohn iranischer Eltern in Deutschland aufgewachsen. Mit besten Absichten starten die beiden in ihr neues Leben als Ehepaar in einer typisch deutschen Dreizimmerwohnung. Aber wie hat man Sex mit einem völlig Fremden? Wie bleibt man gelassen, wenn die andere plötzlich eine grauenhafte Katze anschafft? Zumal erschwerend hinzukommt, dass Mina sich erst noch einleben muss; sie kennt niemanden, kann die Sprache nicht, und ihr Berufsabschluss wird nicht anerkannt. Kian wiederum weiß nicht so recht, was von ihm erwartet wird und schwankt zwischen verschiedenen Vorstellungen von Männlichkeit. Umgeben von den Ansprüchen anderer und stereotypen Vorstellungen davon, wie Liebe und Ehe zu sein haben, scheint das Projekt zum Scheitern ­verurteilt.

Die deutsche Regisseurin Susan Gordanshekan, die selbst iranische Eltern hat, beobachtet ihre Hauptfiguren – die von Pegah Ferydoni und Hadi Khanjanpour überzeugend dargestellt werden – differenziert und genau. Sie wirft einen frischen Blick auf das Thema Paarbeziehung und Migration. Es gelingt ihr in ihrem Spielfilmdebüt, mit erwartbaren Klischees nur zu spielen und immer wieder überraschende Wendungen für die Handlung zu finden. Typische Probleme von Migration und interkulturellen Missverständnissen werden in zahlreichen kleinen Details gezeigt, sie überstrahlen aber nie die Individualität der Personen und ihrer jeweiligen Entscheidungen. Daher ist Die defekte Katze auch eher ein Liebesfilm als ein Migrationsfilm – obwohl man als Zuschauer/in ohne ­eigene Migrationserfahrung auch darüber eine ganze Menge lernen kann.

Film-Credits
Deutschland 2018
Produzent:
Ralf Zimmermann, Caroline Fischer
Regie:
Susan Gordanshekan
Drehbuch:
Susan Gordanshekan
Kamera:
Julian Krubasik
Schnitt:
Frank Müller
Musik:
Sebastian Fillenberg
Darsteller:
Pegah Ferydoni (Mina), Hadi Khanjanpour (Kian), Constantin von Jascherof (Lars), Henrike von Kuick (Sophie), Arash Marandi (Masoud)
Verleih:
ALPENREPUBLIK GMBH
Ickstattstraße 12, 80469 München, Deutschland, Tel.:+49 89 30 90 679 40, Fax: +49 89 30 90 679 11, echo@alpenrepublik.eu, http://www.alpenrepublik.eu/
Kinostart:
4.10.2018
Fridas Sommer (Estiu 1993)
Regie: Carla Simón
Drehbuch: Carla Simón
Spanien 2016

Als Fridas Mutter stirbt, ist das Mädchen sechs Jahre alt. Das Großstadtkind, das nun keine leiblichen Eltern mehr hat, soll künftig bei dem Onkel und dessen Frau leben. Die beiden leben mit ihrer kleinen Tochter Anna im dicht bewaldeten katalonischen Bergland. Dort betreibt der Onkel eine Schreinerei, das nächste Städtchen ist ein paar Kilometer entfernt. Die Verarbeitung des Verlusts der Eltern verläuft für Frida nicht ohne Rückschläge. Nur mühsam findet die neue Familienkonstellation zueinander. Die Geduld der neuen Bezugspersonen wird immer wieder auf die Probe gestellt. Fridas Bemühungen, ihren Platz in der neuen Familie zu finden, sind nicht immer sympathisch, mitunter ist sie harsch und zurückweisend. Vor allem die kleine Anna bekommt das zu spüren. In einer Szene lässt Frida die Stiefschwester im Wald zurück, einmal will sie selbst weglaufen, kehrt aber trotzig zurück, weil es ihr zu dunkel ist. Die Rollenspiele der beiden Mädchen machen sichtbar, um was es geht, welche Ängste und Fragen Frida beschäftigen. Die Empathie ihres Umfelds, die Fröhlichkeit der kleinen Schwester und Fridas eigene Neugier und Energie machen einen Neuanfang möglich.

Das Besondere an Carla Simóns erstem Langspielfilm besteht darin, wie unmittelbar sich die spanische Regisseurin auf die kindliche Erlebniswelt ihrer Protagonistin und deren jüngerer Spielgefährtin einzulassen versteht. Geduldig und zurückhaltend schildert der Film Fridas ersten Sommer in der neuen Umgebung. Die Kamera bleibt nah bei Frida, erst im Verlauf der Handlung weitet sich der Blick für die Umgebung, das Haus, die Landschaft, die Familie. Sie begleitet das eindrucksvoll gespielte Mädchen bei seiner Eingewöhnung in die neue Umgebung, bei den intensiven Konflikten, die es mit seinen neuen Bezugspersonen erlebt, und der allmählichen Verarbeitung des Geschehenen. Die Zeit, die sich der Film nimmt, macht diese Entwicklung glaubwürdig. Wenn Frida am Ende in den Armen ihrer neuen Eltern bitterlich weint, dann ist dies nichts anderes als ein Happy End.

Film-Credits
Spanien 2016
Produzent:
Valérie Delpierre, Stefan Schmitz, María Zamora
Regie:
Carla Simón
Drehbuch:
Carla Simón
Kamera:
Santiago Racaj
Schnitt:
Didac Palou, Ana Pfaff
Musik:
Pau Boïgues, Ernest Pipó
Darsteller:
Laia Artigas, Bruna Cusí, David Verdaguer, Paula Robles
Format:
DCP 96 Minuten
Verleih:
Grandfilm
Muggenhofer Str. 132d, Bau 74, 90429 Nürnberg, Tel.:+49 0911 810 96 671, verleih@grandfilm.de, www.grandfilm.de
Preise:
67. Berlinale - Großer Preis der internationalen Jury Generation KPlus, 67. Berlinale - Preis für den besten Erstlingsfilm, Filmfestival Málaga 2017 - Bester Spielfilm, BAFICI 2017 - Beste Regie, 36. Filmfestival Istanbul 2017 - Spezialpreis der Jury, Goya - Spanischer Filmpreis 2018 - Beste Regienewcomerin, Bester Nebendarsteller, Beste Nachwuchsdarstellerin, Mumbai Film Festival 2017 - Bester Spielfilm, Odessa International Film Festival 2017 - Bester Spielfilm, Offizieller spanischer Beitrag für die Oscars 2018, Internationales Frauenfilmfestival Dortmund/Köln - Debüt-Spielfilmwettbewerb Award 2018
Kinostart:
26. Juli 2018
Camino a La Paz
Regie: Francisco Varone
Drehbuch: Francisco Varone
Argentinien 2015

Sebastian ist ein moderner Taugenichts, Anfang 30, sympathisch, aber ohne einen genauen Plan, was er mit seinem Leben machen möchte. Durch einen Zufall wird er zum Taxifahrer, zufällig lernt er auch Jalil kennen. Jalil ist ein ernster, eher kauziger älterer Herr, ein gläubiger Muslim, der die Regeln seiner Religion befolgt, jedoch durchaus leger auslegt. Eines Tages fragt Jalil den jüngeren Mann, ob dieser ihn nach La Paz fahren könnte. Denn Jalil hat ein Ziel. Er will nach Mekka pilgern, zuvor jedoch in La Paz seinen Bruder abholen. Weil Sebastian Geld braucht, sagt er zu. So machen sich die beiden Männer auf die weite Autofahrt vom argentinischen Buenos Aires nach Bolivien, mit einem Dialysegerät im Gepäck und wechselnden Reisebegleitern. Bald erhalten sie Gesellschaft durch einen angefahrenen Hund, dann stößt zeitweilig eine junge Frau dazu. Staunend nimmt der säkulare Sebastian eines Abends gemeinsam mit Jalil an einer sufistischen Feier in einer muslimischen Gemeinde teil. Im Verlauf der Fahrt verlieren die Beiden sukzessive ihren Besitz und übernehmen, nachdem sie einige Krisen überstanden und die aus ihren Gegensätzen resultierenden Konflikte verhandelt haben, mehr und mehr Verantwortung für den anderen. Am Ziel der Reise scheinen beide innere Orientierung gefunden zu haben. 

Das Taxi als Topos der kleinsten territorialen Einheit erhält in „Camino a La Paz“ eine unaufdringliche, plausible Variation. Unterschiedliche Lebensentwürfe begegnen sich hier kurzzeitig, intensiv und hinterlassen Spuren. In „Camino a La Paz“ wird der Roadmovie zur Pilgerfahrt. Ein Buddy-Movie als Bildungsroman. Der Film überzeugt durch seine lakonische, genau beobachtete und warmherzige Erzählweise. Dem argentinischen Regisseur Francisco Varone gelingt es, der Reisebeschreibung eine spirituelle Dimension abzugewinnen, ohne dass er irgendwelchen dramaturgischen Klischees folgt. Fast beiläufig zeichnet er dabei auch das Bild eines Kontinents der, genau wie sein junger Held, offenbar nicht so recht weiß, wo es hingehen soll und wird.

Film-Credits
Argentinien 2015
Produzent:
Gema Juárez Allen, Francisco Varone, Omar Jadur, Dolores Llosas, Juan Taratuto
Regie:
Francisco Varone
Drehbuch:
Francisco Varone
Kamera:
Christian Cottet
Schnitt:
Federico Peretti, Alberto Ponce
Musik:
Vox Dei
Darsteller:
Rodrigo De la Serna (Sebastian), Ernesto Suarez (Khalil), Elisa Carricajo (Jazmin) u.a.
Format:
DCP 94 Min.
Verleih:
imFilm Agentur
Tel.: 040 431 97 137 , http://www.im-film.de/
Kinostart:
07.06.2018
Die Maisinsel (Simindis kundzuli)
Regie: George Ovashvili
Drehbuch: Roelof Jan Minneboo, George Ovashvili, Nugzar Shataidze
Georgien, Deutschland, Frankreich, Tschechien, Kasachstan 2014
In jedem Frühjahr bilden sich im Fluss Enguri Inseln aus Geröll und Sand, die aus den Höhen des Kaukasus in die Ebene geschwemmt werden. An der Grenze zwischen Abchasien und Georgien entsteht so fruchtbares Schwemmland, das von Menschen bebaut werden kann. Der alte Abga und seine sechzehnjährige Enkelin Asida errichten auf einer solchen Flussinsel eine Hütte, graben den Boden um und säen Mais. Während er wächst, erinnern Gewehrfeuer von den Ufern und vorbeifahrende Boote mit Bewaffneten immer wieder an den in der Region fortschwelenden Konflikt. Eines Tages findet Asida im Maisfeld einen verwundeten Soldaten, den sie versteckt und zu dem sie sich hingezogen fühlt. Als dessen Verfolger sich bedrohlich nähern, bereitet der Großvater seine Flucht vor. Im schweren Regen des Spätsommers erntet er den Mais, um ihn vor den steigenden Fluten zu retten.
 
Im Kreislauf von Bebauen, Säen und Ernten erzählt der Film von einem Leben unter feindlichen Bedingungen. Hauptakteur ist eine vom Fluss geschaffene Insel, die stets im Fokus der Kamera liegt. Umgeben und bedroht vom Wasser wächst dieses Niemandsland langsam heran, wird dabei geformt und bebaut verschwindet wieder in den Stürmen der Zeit. Die Schönheit und Wildheit der Landschaft, die ausdrucksstarken Gesichter, einfache Handgriffe und sinnfällige Gesten sprechen für sich, Dialoge sind auf das Notwendige beschränkt. Der Film wird so zum Gleichnis auf das menschliche Leben überhaupt: es wird geschaffen, gestaltet und ist in seiner Dauer begrenzt. Die Gewaltsamkeit ringsum macht die Insel zu einem fragilen Asyl, das Großvater und Enkelin eine befristete Zuflucht gewährt und einem Verfolgten vorübergehend Schutz bietet. Generationen übergreifend wird die Insel zum Sinnbild einer Welt, die als Schöpfung Gottes erfahrbar wird: wenn auch nur auf Zeit können Arbeit und Mitmenschlichkeit einen Ort fruchtbar und bewohnbar machen. 
 
Als Download (PDF):
Webtrailer
Film-Credits
Georgien, Deutschland, Frankreich, Tschechien, Kasachstan 2014
Produzent:
Alamdary Film, 42film, Arizona Productions, Axman Production, Kazakhfilm
Regie:
George Ovashvili
Drehbuch:
Roelof Jan Minneboo, George Ovashvili, Nugzar Shataidze
Kamera:
Elemér Ragályi
Schnitt:
Sun-Min Kim
Musik:
Josef Bardanashvili
Darsteller:
Ilyas Salman (Abga), Mariam Buturishvili (Asida), Irakli Samushia (Soldat), Tamer Levent (Offizier)
Format:
DCP, Farbe 100 Min.
Verleih:
Neue Visionen Filmverleih GmbH
Schliemannstr. 5, Berlin Tel.:+49 030 440088-44, Fax: +49 030 440088-45, info@neuevisionen.de, www.neuevisionen.de
Preise:
Krystal Globe und Preis der Ökumenischen Jury, Karlovy Vary 2014, Publikumspreis Cottbus 2014
Kinostart:
28. Mai 2015

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